19. Oktober 2015 19:30 Uhr

Becker&Funck, Düren

In das Gehör gerichtet!

Ensemble Stilart spielt Musik von Quantz, Bodinus und Telemann
Darja Großheide – Traversflöte
Florian Deuter – Violine
Sara Hubrich – Viola
Elisabeth Wand – Violoncello
Luca Quintavalle – Cembalo

Das Eröffnungskonzert der „Tonspuren“ in der Kuturfabrik bringt Rares auf die Bühne: Sonaten für drei konzertierende Oberstimmen und Basso continuo waren in den 1720er und 30er Jahren extrem selten und galten als „Probierstein eines ächten Contrapunctisten“ (Quantz, Versuch..) .Einige der schönsten Quartette werden hier zu Gehör gebracht.

Im Sommer 1999 wurden die musikalischen Archive der Singakademie zu Berlin in den stattlichen Archiven im ukrainischen Kiew wiederentdeckt. Dazu gehören die sechs Quartette von Johann Joachim Quantz, die er vermutlich Ende der 1720er Jahre in Dresden komponierte. Die Sammlung war 1943 aus Berlin nach Schloss Ullersdorf in Südschlesien gebracht worden um sie vor den Bomben auf Berlin zu schützen. Als Schlesien nach dem Krieg an Russland fiel, verschwand die Sammlung auf misteriöse Weise. Viele wähnten sie zerstört. Ebenso unbekannt war der genaue Bestand der Sammlung. Die über 5000 Musikstücke umfassende Sammlung, die u.a. zahlreiche Werke Telemanns, Carl Philipp Emanuel Bachs und der Brüder Graun umfasst, wird derzeit in der Berliner Staatsbibliothek studiert und nach und nach der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Telemann komponierte seine „Nouveaux Quatuors“ während eines Aufenthalts in Paris 1738, wo sie vom Publikum begeistert aufgenommen wurden.
Die „in das Gehör gerichteten“ Quadri von Sebastian Bodinus und Georg Philipp Telemann vereinen in einer Sammlung die drei wichtigsten Muster des Spätbarock, nämlich das der Sonata da chiesa, des Concerto und der Suite. Und sie representieren die für die deutsche Musik nach 1720 so typische „réunion des gouts“. Der deutsche Sonderweg bestand darin, durch Vermischung der Nationalstile zur Perfektion des Musikgeschmackes zu gelangen.
Vivaldis Concertos für drei Oberstimmen und Basso continuo, bei denen ein Blasinstrument im Vordergrund steht – wie die Altblockflöte bei dem berühmten Concerto in a-moll – sind erste Beispiel dieser Musikform.

Programm
Johann Joachim Quantz ( 1697 – 1773 ) Quatuor VI in h-moll für Traversflöte, Violine, Viola und Basso continuo
Allegro – Grave e sostenuto – Vivace
Johann Sebastian Bach/Antonio Vivaldi Konzert in D Dur BWV 972 (nach Antonio Vivaldis Konzert für Violine Rv 230) für Cembalo solo
Allegro-Largetto-Allegro
Georg Philipp Telemann ( 1681 – 1767 ) Concerto primo in G
aus „Quadri à Violino, Flauto Traveriere, Viola da Gamba o Violoncello e Fondamento“, Hamburg 1730
Grave – Allegro – Largo – Presto – Allegro
Pause
Antonio Vivaldi (1678 – 1741 ) Concerto in a-moll für Altblockflöte, 2 Violinen und Basso continuo
Allegro – Largo – Allegro
Georg Philipp Telemann ( 1681 – 1767 ) Solo in A für Violine und Basso continuo aus der Tafelmusik II, Nr.5
Andante – Vivace – Cantabile – Allegro
Sebastian Bodinus ( ca.1700 – 1760 ) Quadro II in G für Violine, Traversflöte, Viola und Basso continuo
aus „Des Musicalischen Divertissements sechster Teil bestehend aus III in das Gehör gerichteten Quadro oder vierstimmigen Sonaten“
Presto – Adagio un poco – Allegro

Ensemble Stilart
Florian Deuter, Violine
kann auf eine bemerkenswerte Karriere im Bereich der historischen Aufführungspraxis zurückblicken. Sie begann 1986 mit der Einladung durch Reinhard Goebel zu Musica Antiqua Köln; wo er von 1994 bis 2000 auch die Konzertmeisterposition einnahm. Sein herausragendes Talent und seine unstillbare Energie brachten ihn schnell auch an die Spitze anderer renommierter Ensembles im Bereich der Alten Musik. So wirkte er als Konzertmeister u.a. beim Gabrieli Consort unter der Leitung von Paul McCreesh, bei Chapelle Royale und Collegium Vocale Gent unter Philippe Herreweghe und bei Marc Minkowskis Musiciens du Louvre. Hinzu kommen solistische Aufgaben und Konzertmeister-Positionen im Amsterdam Baroque Orchestra unter Ton Koopman, dem European Baroque Orchestra, Musica ad Rhenum und Capriccio Stravagante. 2003 gründete Florian Deuter das Ensemble Harmonie Universelle, um mit ihm die Kammermusik- und Orchesterliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts neu zu entdecken.

Darja Großheide, Travers- und Blockflöte
studierte zunächst Blockflöte bei Maestro Sergio Balestracci in Padua (Italien).Es folgten Studienabschlüsse an den Musikhochschulen von Maastricht (NL) und Köln.. Bei Prof. Karl Kaiser machte sie ein Aufbaustudium für Traversflöte an der MHS Frankfurt, bei Martin Sandhoff spezialisierte sie sich zusätzlich auf das Spiel romantischer Klappenflöten. Sie konzertiert mit verschiedenen Barockorchestern sowie in unterschiedlichen kammermusikalischen Formationen. Die Kammermusik und die dazugehörigen Recherchen nach Notenmaterial des achtzehnten Jahrhunderts bilden ihren Interessenschwerpunkt. Mehrere CD-Produktionen mit Ersteinspielungen ihres Ensembles „musica solare“ sind aus dieser Arbeit hervorgegangen. Seit Juni 2010 organisiert Darja Großheide die „Tonspuren“, eine Kammerkonzertreihe für Alte Musik, in Langerwehe.

Luca Quintavalle, Cembalo
wurde 1983 in Como (Lombardei) geboren und studierte Klavier bei Ernesto Esposito. Seinen Master in Cembalo absolvierte er „maximum cum laude“ als Schüler von Giovanni Togni, Stefano Molardi und Paolo Beschi am Konservatorium seiner Heimatstadt. Als Stipendiat des DAAD wurde er nach seinem Studium bei Christian Rieger an der Essener Folkwang-Musikhochschule ausgezeichnet, besuchte Kurse von Kristian Bezuidenhout, Jesper Christensen, Andrea Marcon, Stefano Demicheli, Christophe Rousset und Andreas Staier und siegte 2007 beim Basso Continuo-Wettbewerb “G. Gambi” in Pesara. Luca Quintavalle hat mit Orchestern wie I Virtuosi delle Muse, Academia 1750  und mit dem Kölner Kammerorchester zusarnmengearbeitet. Mit der Academia Montis Regalis unter der Leitung von Alessandro De Marchi nahm er das Oratorium Davidis pugna et victoria von Scarlatti bei dem Label Hyperion auf. Als festes Mitglied in Werner Ehrhardts Ensemble I’Arte del Mondo ist er in einigen der größten deutschen Konzertsäle sowie in Israel,in Istanbul und in den USA aufgetreten. Mit diesem Orchester wirkte er als Solist bei der Bach Biennale 2010 in Weimar, in der Bagno-Konzertgalerie in Steinfurt und hat für die Deutsche Harmonia Mundi, für die Deutsche Grammophon sowie für das Label Onyx aufgenommen. 2011 war er an der Kölner Oper Alessandro De Marchis Assistent in Händels Rinaldo. Während der letzten zwei Jahre arbeitete er überdies im Rahmen der Innsbrucker Festwochen als Korrepetitor beim Internationalen Opernwettbewerb „Pietro Antonio Cesti“.

Sara Hubrich, Viola und Violine
studierte Violine in Hannover, Glasgow und London und wandte sich bald der Crossover-Musiktheaterarbeit zu, um sich gestalterisch mit neuer (und alter) Musik sowie Improvisation in Ton und Raum auseinander zusetzen. Sie war jahrelang Mitglied der freien Musiktheater Gruppe A Rose is, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Seitdem hat sie mehrfach mit dem schweizer Musiktheater-Künstler Ruedi Haeusermann zusammengearbeitet. 2003 spielte sie am Schauspiels Hannover in seiner Produktion “Es ist gefährlich über alles nachzudenken was einem gerade einfällt” und war 2006/2007 in Haeusermanns “Gewähltes Profil: Lautlos” zu sehen. Inzwischen führt sie bei eigenen Projekten Regie. Ihr Vorhaben ist es, mit Tänzern, bildenden und multi-media Künstlern sowie Schauspielern zu erforschen, wie Bühnenraum, ausgehend von Musik, viel-dimensional greifbar und für Publikum und Performer zur Erfahrung wird. In 2003 leitete sie die Uraufführung ihres ersten Stückes “Dornröschens letzte drei Tage” in London. Ihre Performances führten sie unter anderem zum City of London Festival, International Bath Music Festival, zur London Biennale und zum Maerzmusik Festival für Aktuelle Musik Berlin.
Ihre Zusammenarbeit mit Judith Egger begann 2001 mit dem gemeinsamen Werk “Entangled – verstrickt” für Viola und Strickende, die u.a. in der Hotbath Gallery und beim International Bath Music Festival gezeigt wurde. Ihre musikalische Tätigkeit umfasst ferner Soloauftritte und Kammerkonzerte mit dem Horn-Trio Mantichora im Bereich Neuer Musik und Improvisationen, im Ensemble Apartment House und mit ihrer eigenen Rockband Miasma und the Carousel of headless horses. Zudem promoviert sie als praktische Künstlerin zum Thema Musiktheater mit Werkbetrachtungen und eigenen Arbeiten. Die letzte Arbeit “We lay safe and sound in free fall” wurde von der Gesellschaft für Neue Musik in London für ein Feature ausgewählt. Sie ist Preisträgerin des Künstlerförderpreises Pyramide der Deutschen Bank und des Elizabeth McLean Preises für Violinisten, sowie Stipendiatin der Schuler Stiftung und der Deutschen Musikinstrumentenstiftung.

Elisabeth Wand, Violoncello
studierte Cello an der Hochschule für Musik Köln bei Prof.J.Herzbruch sowie an der Musikhochschule Detmold bei Frau Prof. I. Güdel. Künstlerische Aufbaustudien an den Musikhochschulen Köln (bei M.M. Kasper) und an der Musikhochschule Frankfurt (Barockcello bei Prof. R. Zipperling) schlossen sich an. Neben ihrer Lehrtätigkeit tritt sie regelmäßig als Solistin und Kammermusikerin auf. Mit der Flötistin Dorothee Oberlinger wurde sie für das Nachwuchsforum Neue Musik der „Gesellschaft für Neue Musik“ ausgewählt. CD-Produktionen sowie Aufnahmen beim WDR, HR, SWR und im Ausland schlossen sich an. Seit 2002 widmet sie sich in verschiedenen Ensembles (z.B. Concerto Köln, Das Neue Orchester, Das Kleine Konzert) der historischen Aufführungspraxis. Ihre Einspielung mit dem Geiger Stephan Schardt wurde 2014 mit dem renommierten ECHO-Klassik-Preis ausgezeichnet.

Die "Tonspuren" werden unterstützt durch: