18. Februar 2019 19:30 Uhr

Kulturfabrik Becker&Funck, Düren

„Hören, spielen, lieben, verehren und – das Maul halten“ (Albert Einstein) - Musik von und Texte über Johann Sebastian Bach)

Priamos – Ensemble
Peter Wuttke, Konzept und Oboe
NN, Cembalo und Orgel
Natalie Hüskens, Texte und Sprecherin

Wiewohl Johann Sebastian Bach die Oboe – und sicherlich auch seinen Leipziger Solooboisten Johann Caspar Gleditsch – sehr schätzte und sie mit annähernd 200 solistischen Auftritten in seinen Kantaten bedachte, hinterließ er keine überlieferten Sonaten für Oboe und Basso continuo. Die beiden Werke, denen Oboisten im Studium immer wieder begegnen, sind die Sonaten BWV 1020 (Anh. III 184) und BWV 1030. Erstere ist inzwischen mit großer Sicherheit Bachs Sohn Carl Phillipp Emanuel zugeschrieben und letztere ist eindeutig eine Flötensonate.
Ich habe mir also erlaubt, zu einer Technik zu greifen, die auch Bach selbst immer wieder angewendet hat, nämlich vorhandene Musik einem konkreten Anlass entsprechend umzuarbeiten. Auch die zwischen 1727 und 1730 entstandenen Orgel-Triosonaten basierten teilweise auf früheren Werken; so entstammt der erste Satz aus BWV 528 einer Sinfonia der Kantate 76, in der die Oboe d’Amore die Solostimme spielt. Andererseits bearbeitete er das Adagio aus BWV 527 später zu einem Konzertsatz (BWV 1044) für Cembalo, Violine, Flöte.
Auch Wolfgang Amadé Mozart bearbeitete die beiden heute erklingenden Sonaten (BWV 526 und 527) zu „Sechs dreistimmige Fugen von Johann Sebastian Bach und Wilhelm Friedemann Bach für Violine, Viola und Bass“ (KV 404a), wobei er noch jeweils einen einleitenden Satz hinzukomponierte.
Sowohl die Orgel-Triosonaten, besonders aber die Sinfonien sind von Bach wohl in erster Linie als Studienwerke angelegt worden. Dennoch handelt es sich um Meisterwerke absoluter Musik, was zu der Überlegung führte, wie man diese in der Besetzung Oboe – Orgel/Cembalo „abendfüllend“ präsentieren kann. Daher hat sich die Altistin und Germanistin Natalie Hüskens mit der Frage beschäftigt, welchen Einfluss der Mensch Johann Sebastian Bach und sein Schaffen im Laufe der letzten 300 Jahre auf die kulturelle Entwicklung hatten und hat Texte von Zeitgenossen und Nachgeborenen, von Komponisten, Schriftstellern, Philosophen und Künstlern zusammengetragen, die sich auf vielfältige Weise zu einem Bild von… zusammenfügen und zwischen den Musikwerken erklingen.

Orgeltriosonaten
Die einzelnen Sonaten wurden von Bach als „Sonata à 2 Clav. e Pedal di J. S. Bach“ bezeichnet. Bachs erster Biograph Nikolaus Forkel vermutet 1802, sie seien „für seinen ältesten Sohn, Wilhelm Friedemann aufgesetzt, welcher sich damit zu dem großen Orgelspieler vorbereiten mußte, der er nachher geworden ist”.
Während bei Triosonaten für zwei Soloinstrumente und Basso Continuo die Bassstimme harmonisch durch das Continuo aufgefüllt wird, komponiert Bach hier einen strengen dreistimmigen Satz, nie wird einer Stimme ein weiterer Ton hinzugefügt. Dies ist kompositorisch extrem anspruchsvoll, weil mit diesen maximal 3 gleichzeitig erklingenden Tönen die Harmonie erkennbar sein musste. Andererseits bietet es dem Zuhörenden die einzigartige Gelegenheit, drei gleichberechtigten Stimmen durch das gesamte Werk hindurch zu folgen. Dieses Verfolgen mag durch die Aufteilung der beiden Oberstimmen auf einen Oboen- und einen Orgelpart sogar leichter fallen als im Original.

15 dreistimmige Sinfonien
Ist es bei den Orgel-Triosonaten nur eine Vermutung, so steht bei den Sinfonien fest, dass sie – ebenso wie die vielen aus dem Klavierunterricht vertrauten 2-stimmigen Inventionen – Unterrichtswerke sind, die Bach in dem Klavierbüchlein für Wilhelm Friedemann (1720-1726) niedergerschrieben hat und mit folgender Vorrede versah: „Womit denen Liebhabern des Clavires, besonders aber denen Lehrbegierigen, eine deütliche Art gezeiget wird, nicht alleine (1) mit 2 Stimmen reine spielen zu lernen, sondern auch bey weiteren progreßen auch (2) mit dreyen obligaten Partien richtig und wohl zu verfahren, anbey auch zugleich gute inventiones nicht alleine zu bekommen, sondern auch selbige wohl durchzuführen, am allermeisten aber eine cantable Art im Spielen zu erlangen, und darneben einen starcken Vorschmack von der Composition zu überkommen.“
Wie im wohltemperierten Klavier arbeitet sich Bach von C-Dur ausgehend die Tonleiter nach oben. Allerdings verzichtet er auf die Konsequenz, in allen 24 möglichen Tonarten zu komponieren und macht durch die Beschränkung auf den Bereich zwischen E-Dur und f-Moll eine Aufführung mit Oboe überhaupt erst möglich.
Wie wichtig ihm diese Stücke waren zeigt die Tatsache, dass er nach der Komposition und Niederschrift im Klavierbüchlein 1720 im Jahr 1723 noch eine Reinschrift der Sinfonien anfertigte. Diese enthält zahlreiche Verzierungszeichen sowie eine Tabelle, wie diese jeweils auszuführen seien.

Johann Sebastian und Wilhelm Friedemann Bach
Wilhelm Friedemann kam am 22.11.1710 in Weimar zur Welt und ist Johann Sebastian Bachs ältester Sohn.
Wie alle Bach-Söhne genoss auch er das Privileg, an einer Lateinschule umfassend ausgebildet zu werden, um später das Profil eines Jurastudenten erlangen zu können. So merkte der Vater ihn schon als 14-Jährigen für eine spätere Immatrikulation an der Leipziger Universität vor. Gleichwohl genoss der junge Wilhelm Friedemann aber auch eine umfassende musikalische Ausbildung. Ab seinem 10. Lebensjahr legte ihm der Vater über 6 Jahre ein ihm zugeeignetes „Clavierbüchlein“ mit Übungsstücken des Vaters – darunter auch den in diesem Konzert erklingenden 15 Sinfonien – an. Ebenso fand sich darin Platz für Werke anderer Zeitgenossen, eigene Verzierungstabellen und Komponierübungen. Dieses Büchlein versah Bach mit der stolzen väterlichen Unterschrift „Du bist mein gutes Jüngelchen“. Gleichzeitig betraute er Wilhelm Friedemann mit der wichtigen Aufgabe, zu seinen allsonntäglichen Kantaten Stimmauszüge für die Musiker die schreiben.
In diesen Jahren, als 16- bis 18-Jähriger, erhielt der Sohn weiterhin Geigenunterricht und beschäftigte sich nachweislich mit den Orgeltriosonaten seines Vaters: Er schrieb sie allesamt freiwillig ab.
Zeitgleich mit Bachs Bekleidung des Thomaskantor-Amts wurde Wilhelm-Friedemann 1723 Thomasschüler, bis er auf vorgezeichnetem Weg sein Jurastudium aufnahm. Sein musikalisches Talent und sein unbedingtes Streben zum Musikerdasein führten schließlich jedoch dazu, dass der nunmehr Rechtsgelehrte neue Wege einschlug und sich 1733 erfolgreich um das Kantorenamt an der Dresdner Sophienkirche bewarb. Auch waren ihm das Wirken und der Ruf seines prominenten Vaters von hohem Nutzen. Er fügte dem Bewerbungsschreiben seines Sohnes die „unterthänige Bitte“ bei, „daß Dieselben geruhen wollen bey dieser vacance meine Wenigkeit in hohe consideration zu ziehen.“

Albert Einstein
Nicht jedem ist bekannt, wie musikwissenschaftlich gebildet und talentiert im Geigenspiel der Physik-Nobelpreisträger und Entdecker der Relativitätstheorie war. Dabei pflegte er Korrespondenzen mit berühmten Komponisten wie Arnold Schönberg, spielte in seiner freien Zeit liebend gern Streichquartette, auch mit namhaften professionellen Musikern wie Artur Schnabel, und widmete sich leidenschaftlich der barocken und klassischen Musik. Von Haus aus war Musik ein Gesprächsthema für ihn. Seine Mutter Paula spielte sehr gut Klavier und führte ihren Sohn Albert schon mit 6 Jahren zum Geigenunterricht. Mit 13 spielte Einstein Mozarts Sonaten, dessen Musik er als „rein und schön“ bezeichnete.
Eine rechtsextremistische Funktionalisierung von Musik zu Propagandazwecken lehnte Einstein ebenso ab wie die sozialistisch-avantgardistische, gesellschaftskritische Musik Kurt Weills oder Bertold Brechts: „Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde.“
An Johann Sebastian Bachs Musik liebte Einstein besonders die „klare Architektur“, die ihm „eher kosmisch, als von menschlicher Hand gemacht“ schien. Eine strukturelle „Ordnung der Natur“ und die „Harmonie des Universums“ sah er in Bachs Werken deutlich abgebildet.
Als Erwachsener machte sich Einstein zur Angewohnheit, zu unmöglichsten Zeiten, etwa nachts, in der Küche seiner Wohnung spontan seine Violine auszupacken und zu improvisieren – eine Fähigkeit, die er schon in Jugendtagen von seiner Mutter erlernt hatte. Als er 1919 seine Relativitätstheorie durch Photographien einer Sonnenfinsternis bewiesen sah, belohnte er sich noch am selben Tag selbst mit dem Kauf einer neuen Geige.1933 engagierte er sich mit einem Benefizkonzert in Manhattan für jüdische Flüchtlinge, in dem er Bachs berühmtes Konzert für 2 Violinen in D-Dur mitspielte.

Priamos Ensemble
Dies Ensemble wurde vom Oboisten Peter Wuttke mit dem Ziel gegründet, ‚verborgene Schätze’ der Kammermusikliteratur mit Oboe zu finden, zu edieren und auf den Instrumenten der jeweiligen Entstehungszeit zur Wiederaufführung zu bringen. Die Besetzung reicht dabei von der intimen Besetzung des heutigen Programms mit Oboe und Orgel, über Quartette für Oboe und Streicher und das klassische Bläserquintett bis zur großen Harmoniebesetzung mit 8 bis 10 Bläsern.

Peter Wuttke
Geboren 1969 in Essen, studierte moderne Oboe bei Pierre W. Feit in Essen, Klaus Becker, Hannover und Christian Schneider in Köln. Anschliessend studierte er Barockoboe bei Martin Stadler an der Akademie für alte Musik Bremen und Ku Ebbinge am Königlichen Konservatorium in Den Haag.
Er ist Solooboist der ‚Chursächsischen Philharmonie’, Mitglied des ‚Ensemble 1704’ (Prag) und gastiert bei vielen Orchestern der ‚alten Musik-Szene’ wie der ‚Akademie für alte Musik Berlin’, der Salzburger Hofmusik, ‚La Stagione’ Frankfurt und dem ‚Neuen Orchester’ Köln. Dabei arbeitet er mit Dirigenten wie Martin Haselböck, Frieder Bernius, Christoph Spering, Hermann Max und Trevor Pinnock zusammen.
Neben seiner Arbeit als Oboist erarbeitet er quellenkritische Ausgaben unbekannter Werke der Oboenliteratur und pflegt mit der Bibliographie ‚The Haynes Catalog“ als Online-Projekt (http://www.haynes-catalog.net) das Standardwerk für Literatur mit Oboe bis 1800.

Programm
Orgeltriosonate BWV 527 d-Moll in der Fassung für Oboe und Orgel 1. Andante 2. Adagio e dolce 3. Vivace
Dreistimmige Sinfonien BWV 787 – 801 in der Fassung für Oboe und Cembalo 1. Sinfonia C-Dur 2. Sinfonia c-Moll 3. Sinfonia D-Dur4. Sinfonia d-Moll 5. Sinfonia Es-Dur6. Sinfonia E-Dur 7. Sinfonia e-Moll 8. Sinfonia F-Dur 9. Sinfonia f-Moll 10. Sinfonia G-Dur 11. Sinfonia g-Moll 12. Sinfonia A-Dur 13. Sinfonia a-Moll 14. Sinfonia B-Dur 15. Sinfonia h-Moll
Orgeltriosonate BWV 526 c-Moll in der Fassung für Oboe und Orgel d-Moll 1. Vivace 2. Largo 3. Allegro

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