24. September 2018 19:30 Uhr

Kulturfabrik Becker&Funck, Düren

Für Gott und die Welt - Sonaten aus Fidicinium Sacro Profanum

Harmonie Universelle
Florian Deuter & Mónica Waisman, Violine und Leitung
Christian Goosses, Wolfgang von Kessinger, Viola
Balázs Máté, Violoncello
Dane Roberts, Violone
Josep Maria Martí, Theorbe
Francesco Corti, Orgel

Instrumentale Szenenfolgen

Seinem »großen Apoll« und »höchsten Mäzen der Musik und der Musen«, dem Fürsterzbischof Maximilian Gandolph von Kuenburg, widmete der Salzburger Vizekapellmeister Heinrich Ignaz Franz Biber einen vierten Notendruck, der offenbar 1683 in Nürnberg erschien: Fidicinium Sacro-Profanum tam choro, quàm foro Pluribus Fidibus concinnatum & concini aptum – mithin geistlich wie weltlich verwendbare Musik für Streicherensemble. Diese beeindruckende, aber heute kaum mehr bekannte Sammlung steht im Mittelpunkt des Programms von Harmonie Universelle; die umfassende Stückauswahl zeigt alle Schattierungen auf, die der Meistergeiger Biber dem vier- und fünfstimmigen instrumentalen Streichersatz abgewinnt.
Biber folgt dabei teilweise einem Weg, den er schon 1680 in seinen Tafelmusik-Suiten Mensa sonora eingeschlagen hatte: Wie diese Sammlung sind auch die Sonaten VII bis XII im Fidicinium für eine Violine und zwei Violen geschrieben, die ihre Melodiebögen und Akkordverbindungen über einer Fundamentstimme für Akkordinstrument und Streichbass entwickeln. Es handelt sich da um Streichquartette mit Generalbass-Harmonien, in denen Biber einzelne Oberstimmen gelegentlich zu erregt konzertierenden Dialogen animiert. Die Sonaten I bis VI als erster Teil des Fidicinium verlangen hingegen noch eine weitere Violine. Das ergibt jenen warm klingenden, kontrapunktisch dichten fünfstimmigen Satz, der im späten 17. Jahrhundert noch als Ensemble-Standard galt. Insgesamt entwirft Biber im Fidicinium eine Folge abwechslungsreich kleingliedriger, kontrapunktisch ausgefeilter Formen, die durch ihre rhetorisch-expressive Klangsprache mitreißen. Jede Sonate bietet dabei ein bezaubernd originelles Kaleidoskop bunter Motive, das den Hörer mit wechselnden instrumentalen Bilderszenen konfrontiert.
Biber, 1644 in Böhmen geboren, wirkte zunächst als Musiker beim Olmützer Bischof Karl von Liechtenstein-Kastelkorn in Kremsier. Eine Einkaufsreise zum Tiroler Geigenbaumeister Jacobus Stainer bot ihm Gelegenheit, eigenmächtig an den Salzburger Hof zu wechseln. Seit 1671 Kammerdiener von Max Gandolph, wartete er bald zu dessen privaten Meditationen mit jenen programmatischen Rosenkranz-Sonaten auf, die heute als sein bekanntestes Werk gelten. Öffentlich erlebte man den selbstbewussten Böhmen dagegen in der Kirchenmusik des Salzburger Domes. Auch eine Reihe seiner liturgischen Kompositionen für Singstimmen und Instrumente, die von den Musizieremporen an den Eckpfeilern der großdimensionierten Vierung herab erklangen, publizierte Biber im Druck – seit 1678 im Rang des Vizekapellmeisters, von 1684 an als Kapellmeister.

1678 war ein weiterer herausragender Musiker von Böhmen oder Niederösterreich her nach Salzburg gekommen: der 1653 in Savoyen geborene und im Elsass aufgewachsene Georg Muffat, den Max Gandolph nun zu seinem Kammerorganisten berufen hatte. Ihn dürfen wir uns nicht nur als ausgezeichneten Solisten am Tasteninstrument, sondern auch als wichtigsten Generalbassbegleiter Bibers vorstellen. 1681 ging Muffat mit einem Stipendium nach Rom, von wo aus er mit dem neuen kompositorischen Konzept des Concerto grosso an die Salzach zurückkehrte. Er hatte es beim römischen Violinmeister Arcangelo Corelli kennengelernt und stellte es in jenen Ensemblesonaten vor, die er noch 1682 unter dem Titel Armonico Tributo veröffentlichte und ebenfalls dem Fürsterzbischof widmete. Ohne Aussicht auf eine Beförderung in Salzburg wurde Muffat allerdings 1690 fürstbischöflicher Kapellmeister in Passau, nachdem er kurz zuvor noch Beispiele seiner Tastenkunst unter dem Titel Apparatus musico-organisticus veröffentlicht hatte.

Mit dem Lamento auf den Tod Kaiser Ferdinands III. (1657) ergänzt eine programmatische Komposition von Bibers mutmaßlichem Lehrer Johann Heinrich Schmelzer das heutige Programm. Mehr als vierzig Jahre lang prägte der Niederösterreicher den Geigenton der kaiserlichen Hofkapelle in Wien. Lange schon, bevor er im Oktober 1679 von Kaiser Leopold I. zum Hofkapellmeister ernannt wurde, galt er mit Biber als einer der größten Geigenvirtuosen Europas.(Text:Bernd Heyder)

*Programm*||

Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 – 1704) Sonate I aus Fidicinium Sacro-Profanum Allegro – Adagio – Allegro – Adagio – Allegro – Adagio – Grave – Adagio
Sonate VII aus Fidicinium Sacro-Profanum [ ] – Presto – Allegro – Allegro – Allegro – Presto
Sonate II aus Fidicinium Sacro-Profanum Allegro – Allegro – Allegro – Allegro – Adagio
Georg Muffat (1653 – 1704) Passacaglia in g-moll aus Armonico Tributo
Heinrich Ignaz Franz Biber Sonate V aus Fidicinium Sacro-Profanum Allegro – Grave – Allegro
Sonate VIII aus Fidicinium Sacro-Profanum Allegro – Presto – Adagio
Sonate III aus Fidicinium Sacro-Profanum Grave – Allegro – Presto – Adagio – Presto – Adagio
Pause
Heinrich Ignaz Franz Biber Sonate X aus Fidicinium Sacro-Profanum Allegro – Allegro – Allegro – Adagio – Presto – Adagio
Sonate IX aus Fidicinium Sacro-Profanum Allegro – Allegro – Adagio – Presto – Adagio
Sonate VI aus Fidicinium Sacro-Profanum Allegro – Allegro – Allegro – Presto – Adagio – Allegro – Adagio
Johann Heinrich Schmelzer (1623 – 1680) Lamento Sopra la Morte Ferdinandi III
Heinrich Ignaz Franz Biber Sonate XI aus Fidicinium Sacro-Profanum Adagio – Piu Presto – Adagio – Allegro – Adagio
Sonate IV aus Fidicinium Sacro-Profanum Alla Breve – Adagio – Alla Breve

Harmonie Universelle
Leidenschaft und Virtuosität, Sanftheit und Schärfe: Dies sind Eigenschaften, die das Ensemble Harmonie Universelle in seiner künstlerischen Vision musikalisch verbindet. Der Ensemblename ist Programm. Mit ihm beruft sich das Ensemble auf die Schrift des französischen Gelehrten Marin Mersenne, der die Welt als harmonisches Ganzes darstellt.
Harmonie Universelle vereint internationale Musiker, die vom Kammermusikduo bis zur großen Orchesterbesetzung alle Möglichkeiten des gemeinsamen Musizierens ausschöpfen. An der Spitze stehen der deutsche Geiger Florian Deuter und die argentinische Geigerin Mónica Waisman. Die Mitglieder kommen aus Italien, Ungarn, Frankreich, Österreich, England, Holland, Schweiz, Portugal und Spanien sowie Japan, USA, Canada, Kolumbien und Australien. Seit seiner Gründung ist das Ensemble bei führenden Musikfestivals und auf bedeutenden Konzertpodien regelmäßiger Gast, so beispielsweise dem Utrecht Festival of Early Music, dem Bachfest Leipzig, dem Musikfest Bremen, dem Festival d‘Ambronay, dem Festival de Música Antigua de Barcelona, der Styriarte Graz, dem Concertgebouw Amsterdam, Versailles, der Kölner Philharmonie und vielen mehr. Nachzuhören sind die herausragenden Interpretationen von Harmonie Universelle auf diversen CD-Produktionen des französischen Labels Eloquentia und des deutschen Labels Accent, die mit zahlreichen Auszeichnungen der internationalen Fachpresse gewürdigt wurden.
Seit 2008 hat Harmonie Universelle eine eigene Konzertreihe in Köln und NRW, in der das Ensemble regelmäßig neue Programme präsentiert. Im Rahmen dieser Reihe findet auch dieses Konzert der Tonspuren statt.

Dieses Konzert wird unterstützt durch das Kulturamt der Stadt Köln sowie durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.

Die "Tonspuren" werden unterstützt durch: