19. März 2018 19:30 Uhr

Kulturfabrik Becker&Funck, Düren

Friede, Freude, Kaiserschmarrn

Wien spielt auf zum Wiener Kongress 1814

Darja Großheide, Traversflöte
Christian Goosses, Viola
Michael Borgstede, Hammerflügel
Michael Goldort, Gitarre

Foto: Ralph Bauer

Nach 23 Jahren Krieg treffen sich gekrönte Häupter und Politiker aus ganz Europa zu Friedensverhandlungen in Österreichs Metropole Wien. Der Wiener Kongress beginnt im September 1814. Geplant sind zwei Monate Verhandlungen. Die Gäste werden üppig bewirtet und mit Bällen, Festen, Mätressen, Theater und Konzerten köstlich unterhalten. Wien gilt in dieser Zeit als die Amüsiermeile Europas. Nicht umsonst sagt man „der Kongress tanzt“. Und weil sich alle so wohl fühlen im schönen Wien, bleiben sie ganze neun Monate und kosten Österreich ein Vermögen. Endlich gibt es auch wieder echten Kaffee, was einen riesen Andrang in den Konzertcafés zur Folge hat. Mit ihren Kronleutern, roten Samtpolstern und Spiegeln gelten als Inbegriff von Lebensqualität und werden überall in Europa nachgeahmt. Die Biedermeierära beginnt genau hier beim Wiener Kongress.
In zahlreichen Salons, die von sogenannten „Salonieren“ geführt werden, finden regelmäßig Konzerte und Lesungen, aber auch politische Debatten statt. Beethoven und Goethe, Wilhelm von Humboldt, Schlegel, Spohr, Giuliani, Diabelli , Hummel und viele andere große Musiker und Dichter sind Teil dieser herrlichen Kulturindustrie. Die Gitarre, die sich seit Ende des 18ten Jahrhunderts wesentlich weiterentwickelt hatte, ist Dank einiger Virtuosen wie Mauro Giuliani, Ferdinand Carulli, Wenzel Matiegka oder Anton Diabelli zum absoluten Modeinstrument avanciert. Das „mobile Klavier“ kann die feinen Damen bei Landpartien oder Gartenfesten unterhalten, wird aber auch gerne in den Salons gespielt. Unzählige Kompositionen und Arrangements für Gitarre alleine oder in Kombination mit anderen Instrumenten wie Klavier, Flöte oder Violine werden in dieser Zeit in Wien verlegt und finden reißenden Absatz. Die Komponisten sind zugleich auch Musiker und spielen ständig miteinander. So weiß man, dass Giuliani mit Moscheles und Hummel, aber auch mit Beethoven und Diabelli musizierte. Der in Wien ansässige, aus Böhmen stammende Gitarrist und Pianist Wenzel Matiegka hat den Ruf, er sei der „Beethoven der Gitarre“. Matiegka arrangiert u.a. eine Serenade Beethovens für Flöte, Viola und Gitarre. Das von ihm komponierte Notturne für dieselbe Besetzung galt lange als ein Werk von Franz Schubert, der jedoch nur eine Cellostimme hinzufügte.
Auch für die Kölner hatte der Wiener Kongress ganz unmittelbare Auswirkungen:
sie hatten sich bisher unter der französischen Besatzung durchaus wohl gefühlt und waren gar nicht begeistert, nun dem preußischen, protestantischen Absolutisten unterstellt zu werden. Die Preußen ihrerseits hatten offenbar gar kein gesteigertes Interesse an der rheinischen Provinz, sollten aber die Grenze zu den Hugenotten/Franzosen sichern.

Programm
Wenzel Matiegka (1773 – 1830) Notturno in G für Flöte, Viola und Gitarre daraus:Tempo moderato – Menuetto – Lento e patetico – Zingara
Johann Nepomuk Hummel (1778 – 1837) Pot Pourri op.53 für Gitarre und Klavier, Wien 1815 Un poco Larghetto – Andante grazioso – Allegro animato – Adagio cantabile – Tempo di Walzer
Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) Notturno D-Dur für Fortepiano und Viola op.42, Arrangement der Serenade op.8 durch Franz Xaver Kleinheinz (1765 – 1832) daraus: Marcia Allegro non molto – Adagio – Minuetto Allegretto – Adagio – Allegro scherzoso
Pause
Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) Serenade op.8, arrangiert für Flöte, Viola und Gitarre durch Wenzel Matiegka (1773 – 1830) daraus: Polonaise – Andante quasi Allegretto – Allegro – Marcia Allegro non molto
Adalbert Gyrowetz (1763 – 1850) ’Sieges- und Friedensfest der verbündeten Monarchen
gefeyert im Prater und dessen Umgebungen am 18ten October 1814, als am Jahrestage der Völkerschlacht bey Leipzig’ für Klavier
Michael Goldort Fantasie für Gitarre über Opernthemen von Gioachino Rossini
Sigismund Neukomm (1778 – 1858) „l`Amoureux“ Fantasie für Flöte und Klavier, op.39
Francesco Molino(1775 – 1847) Grand Trio Concertant op.30 für Flöte, Viola und Gitarre mit zusätzlichem Klavierpart daraus: Larghetto

Christian Goosses, Viola
studierte moderne Viola bei Ulrich Koch. Er spielte in Nicolaus Harnoncourts Concentus Musicus Wien und in Reinhard Goebels Musica Antiqua Köln und wirkte in Ensembles wie La Stagione Frankfurt, Concerto Köln und dem Cantus Cölln mit. In Freiburg fand Christian Goosses gleich gesinnte Musiker, er wurde zu einem der Initiatoren des Freiburger Barockorchesters und setzt bis heute wichtige Impulse für dieses Ensemble, mit dem er durch Europa, nach Nord- und Südamerika und nach Südostasien reiste. Christian Goosses’ musikalische Heimat ist und bleibt die Kammermusik, die sein Selbstverständnis als Künstler stark geprägt hat. In Köln fand er beides: seinen aktuellen Wohnsitz und ein Kammermusik-Ensemble, mit dem er seine Vorstellung vom Originalklang verwirklichen kann – von der Domstadt aus starten seine Unternehmungen mit dem Schuppanzigh-Quartett. Zahlreiche CD- und DVD-Veröffentlichungen, erschienen bei Deutsche Grammophon, harmonia mundi france, TDK u. a., weisen Christian Goosses als vielseitigen Künstler aus, der zwischen Tradition und Gegenwart vermittelt.

Michael Borgstede, Hammerflügel
Der Cembalist, Fortepianist und Organist Michael Borgstede gilt auf historischen Tasteninstrumenten als einer der aufregendsten Virtuosen seiner Generation. Als Solist und als Mitglied des Kammermusikensembles Musica ad Rhenum hat er ganz Europa, die USA, Asien, Südamerika und den Nahen Osten bereist und ist bei den wichtigsten Festivals und in den traditionsreichsten Konzerthallen aufgetreten. Zudem ist Michael Borgstede als Professor für Cembalo und Generalbass an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln beschäftigt.
Seine etwa zwei Dutzend CD-Produktionen wurden von der Kritik mit Begeisterung aufgenommen. Schon die Debut-Aufnahme mit dem Gesamtwerk des französischen Komponisten François Couperin wurde mit dem angesehen Editor’s Choice geehrt. Nicht weniger enthusiastisch waren die Reaktionen auf das Vier-CD-Set mit Cembalowerken Georg Friedrich Händels. Michael Borgstedes letzte Solo-Aufnahme mit dem Cembalowerk der Forquerays wurde mit dem Diapason d’Or ausgezeichnet.
Michael Borgstede studierte Cembalo mit Jacques Ogg am Königlichen Konservatorium von Den Haag. Weitere musikalische Impulse bekam er am Cembalo von Ton Koopman, Lars Ulrik Mortensen und Gustav Leonhardt, an der Orgel von Bernard Winsemius und Harald Vogel.
Neben seiner ausgiebigen Konzerttätigkeit hat Michael Borgstede an verschiedenen Institutionen unterrichtet und wird regelmäßig eingeladen, internationale Meisterkurse und Lesungen zur „Historischen Aufführungspraxis“ zu geben.

Michael Goldort, Gitarre
wurde in Nowosibirsk geboren und studierte Gitarre am dortigen Ölinka-Staatskonservatorium. Schon während seiner Studienzeit trat er vielfach auf, sowohl in Russland als auch auf renommierten Festivals in Italien, Deutschland und Österreich, wo namhafte Persönlichkeiten wie Alvaro Pierri ihn als einen der virtuosesten Gitarristen Russlands würdigten. Ab 1989 gab er regelmäßig Solo-Recitals im In- und Ausland (unter anderem in Österreich, Spanien und Italien) und trat er zusammen mit Symphonieorchestern von Städten wie Sankt Petersburg und Kiew auf. Als Lautenist war er Mitglied des alten Musik Ensembles “Insula Magica” (mit Konzerten in u.a. dem Philharmonie von Novosibirsk) und als Gitarrist war er Mitglied des Petersburger Baroque Ensemble “Novaya Gollandiya” auf einer romanitischen Gitarre ( mit u.A. Konzerten im Theatermuseum des Scheremetevs Palasts in Sankt Petersburg). Mit dem Ensemble “Lavan Laila” (Sephardische Musik) machte er eine Konzerttournee in Österreich. (u.a. Graz, Wien, Insburg und Bregenz). 1991 wurde Michael Goldort Assistent von Professor Frauchi am Moskauer Konservatorium. Später wirkte er als Professor für Gitarre am Glinka-Staatskonservatorium (1993-1996) und an der Universität von Sankt Petersburg (2003-2005). Seit 2005 lebt und arbeitet er in Köln. Von seinen vielen Transkriptionen für Gitarre, vor allem bekannte Opernthemen von Komponisten wie Rossini oder Bizet, sind mehrere auf CD erschienen. Seine zweite CD ist spanischen Komponisten gewidmet und wurde im Classical Guitar Magazine 1996 als künstlerisches und technisches Meisterwerk beschrieben.

Darja Großheide, Traversflöte
widmet sich ganz dem Kammermusikrepertoir für Flöte. Sie stellt Ensembles und Programme zusammen, die Musik in ihrem geschichtlichen Kontext neu beleuchten und die Musik lebendig und zeitgemäß ans Ohr des Zuhörers bringen. Um ihre Ideen umsetzen zu können, gründete Darja Großheide 2010 die Konzertreihe „TonSpuren“ , die ihren Sitz aktuell in der Kulturfabrik Becker&Funck in Düren hat. Ihr Repertoir reicht vom 17ten bis ins 19te Jahrhundert.
Darja Großheide studierte 4 Jahre bei S.Balestracci in Padua mit Blockflöten italienische Musik. Es schloss sich weitere Flötenstudien an den Musikhochschulen in Maastricht ,Köln und Frankfurt(Aufbaustudium Traversflöte) ab. Wichtige Anregungen für das Spiel der klassischen und romantischen Klappenflöten erhielt sie besonders von Martin Sandhoff und Karl Kaiser. Mit ihrem Ensemble machte sie Ersteinspielungen von Musik von Ariosti und Nardini. Als aktives Mitglied der Kölner Gesellschaft für Alte Musik gestaltet sie zahlreiche Projekte mit.

Die "Tonspuren" werden unterstützt durch: