28. August 2017 19:30 Uhr

Kulturfabrik Becker&Funck, Düren

Cantigas de Amigo - Ensemble Sanstierce

Galizische, Französische und Sephardische Frauenlieder

Maria Jonas – Gesang & Shruti Box
Bassem Hawar – Djoze (irakische Fidel)
Dominik Schneider – mittelalterliche Flöte & Quinterne

Frauenlieder gehören zu den ältesten poetischen Zeugnissen, die uns schriftlich überliefert sind. Es sind Lieder, in denen das sprechende/singende „Ich“ eine Frau ist. „Chansons de femmes“, so heißen die Lieder der Trouvéres aus Sicht der Frauen, wobei es als sicher gilt, daß sie von Männern geschrieben und vorgetragen wurden.
Nur in der Provence gab es Komponistinnen, von denen wir heute wissen, die Trobairitzen: Azalais de Porcairagues, Maria von Ventadorn und Comtessa Beatritz de Dia. Und nur von letzterer gibt es auch eine zum Text überlieferte Melodie, das berühmte: “A chantar“.
Auf der iberische Halbinsel begegnen wir in Galizien den „Cantigas de Amigo“ von Martín Codax. Dieser Liederzyklus stellt einen typischen Vertreter der Frauenlieder dar. Martín Codax dürfte um das Jahr 1230 in der Provinz Galicia geboren sein. Über Leben und Wirken dieses iberischen Trobadors ist nichts bekannt, ebensowenig über das Datum und den Ort seines Todes. Neben Alonso el Sabio ist Martín Codax der einzige iberische Dichter der frühen Zeit von dem Melodien überliefert sind. Von seinen “Siete Canciones de Amigo“ sind 6 mit Melodien versehen. Ihre Sprache ist das Galizische. Form und Aufbau lehnen sich an das französische Virelais an. Die Provinz Galizien, einstmals unter den Sweben ein selbstständiges Königreich, war im 13. Jahrhundert ein Teil Kastiliens. Die Sprache dieser iberischen  Provinz verbreitete sich weit über die Grenzen hinaus über Nordportugal und in Kastilien, wo er zur Sprache der Poesie wurde. Auch die berühmten Cantigas des Königs Alfonso el Sabio sind in galicischer Sprache abgefasst. Unsere Reise endet im Mittelmeerraum, dorthin, wo die Sepharden nach ihrer Vertreibung geflüchtet sind. Im Jahre 1492, das Jahr der „reconquista„ (Eroberung Granadas und Vertreibung der Mauren) und der „conquista„ (Kolumbus „entdeckte„ Amerika), wurden die Juden nach einem Edikt des Kardinals Cisneros aus Portugal und Spanien vertrieben und suchten sich heimatlos – wie so oft in ihrer langen Geschichte – neue Länder, in denen sie willkommen waren. Vor allem rund um den Mittelmeerraum siedelten sie sich an und lebten in ihrer jüdisch-spanisch Tradition weiter. Und es waren vor allem die Frauen, die ihre Liedtradition pflegten und von Generation zu Generation weitergaben. In den fünfziger Jahren des 20.Jahrhunderts machte sich der Musikologe Isaac Levy in diese Länder auf und hob einen wahren Schatz: „Ich besuchte eine alte Frau nach der anderen, Dorf um Dorf, um aus ihren Mündern ihre Lieder zu hören und festzuhalten. Sie werden heute noch in Griechenland, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien und Rhodos gesungen von den Frauen gesungen“, schrieb Levy während seiner Recherchen. Er brachte dann Anfang der sechziger Jahre eine vierbändige sephardische Liedersammlung in London heraus. Levys Arbeit blieb nicht ohne Echo. So schrieb ihm Pablo Casals aus Puerto Rico: „Ihre sephardische Liedersammlung habe ich mit großem Dank erhalten. Dem Charme der Lieder bin ich sofort erlegen. Ihre Arbeit verdient Bewunderung und Hochachtung – die Lieder, dass sie in der Welt bekannt werden. Einige der Lieder erkannte ich: sie finden sich auch in der katalanischen Folklore wieder, was sicher auf einen sephardischen Ursprung schließen lässt.“
Die Lieder des Mittelalters waren – wie die mittelalterliche Lyrik überhaupt – nicht für die Lektüre bestimmt, sondern für den öffentlichen Vortrag. Wie der Text und die Musik realisiert wurden, welche Rolle die freie Improvisation spielte und wie dies alles bei der Aufführung der Lieder zusammenwirkte, ist schwer zu ermitteln und nur in Ausnahmefällen sind die Melodien zu den Liedern überliefert. Darum ist die Improvisation auf der Grundlage des Erforschens der mittelalterlichen Quellen die Basis unserer Arbeit. Ein Grund auch dafür, warum das Aufführen und Hören dieser alten Musik  auch immer ein Hier und Jetzt beinhaltet.

Programm
CHANSONS DE FEMMES A chantar (Comtessa Beatriz de Dia) Canso: Ar em al freg temps (Text: Azalais de Porcairague [Ende 12. Jh.], Melodie: Maria Jonas) Chantereai pur mon courage (Anonym / Chanson de femme, Chanson de croisade) Ab jois e jovens m’apaia (Text: Beatriz de Dia, Melodie: Maria Jonas 2016)
CANTIGAS DE AMIGO Liederzyklus von Martín Codax Ondas do mar de Vigo Mandad‘ei comigo Mia yrmana fremosa Ay Deus! Quantas sabedes amar Eno sagrado en Vigo Ay ondas do mar
CANCIONES SEFARDITAS Nanni, nanni (Tanger) El rey de muncho madruga (Türkei) Porque llorax blanca niña (Türkei)

Ensemble Sanstierce
Drei Musiker treffen sich 2014 im Kölner Zentrum für Alte Musik ZAMUS und beschließen ein Ensemble zu gründen: SANSTIERCE – Maria Jonas, Gesang (Köln), Dominik Schneider, Flöte und Quinterne (Essen) und Bassem Hawar, Djoze, das ist eine irakische Fidel (Bagdad, mittlerweile in Köln ansässig). Alle drei sind ausgewiesene Spezialisten der modalen Musik. Die zwei Deutschen versuchen damit wieder die zum größten Teil mündlich überlieferte Musik des Mittelalters, die kaum notiert wurde, wieder zum Leben zu erwecken und das Anliegen des Irakers, die bislang von Generation zu Generation, von Ohr zu Ohr tradierte arabische Musik mit Zentrum Bagdad, ebenfalls aus dem Mittelalter stammend, nicht sterben zu sehen. Fuhren noch vor wenigen Jahren westliche Musiker in die arabischen Länder, um dort vor Ort und ganz nah am Original zu sein, trifft man sich heute in Köln…oder Berlin, oder Paris, oder London. Aber nicht mehr in Bagdad, dem Irak, dem Iran, in Syrien…..
SANSTIERCE
Die Sängerin Maria Jonas ist eine der kreativsten und vielseitigsten Persönlichkeiten Kölns, die als Interpretin Alter und immer häufiger Improvisierter Musik zu erleben ist – als Solistin sowie in ihren Ensembles Ars Choralis Coeln (Frauenschola) und Ala Aurea (Ensemble für mittelalterliche Musik). Maria Jonas ist stets auf der Suche nach einer lebendigen Auseinandersetzung mit Alter und jeglicher Art von Musik. Darum umschreibt der Begriff „Trobairitz“ ihr Wirken besser als die übliche Bezeichnung Sängerin. Die Trobairitz waren das weibliche Gegenstück zu den Trobadors im 11. bis 13. Jh. im südlichen Frankreich. Das Wort stammt von dem okzitanischen Wort trobar: finden, erfinden. Als kreativer Geist wird Maria Jonas zunehmend auch bei der Entwicklung von Veranstaltungskonzepten zu Rate gezogen. So übernahm sie 2008 die künstlerische Leitung der interkulturellen Klangwerkstatt „KOLUMBA singt“, die jährlich mit wechselnden Gästen stattfindet. Maßgeblich wirkt sie auch bei der Kölner Initiative ZAMUS (Zentrum für Alte Musik) mit.
Bassem Hawar wuchs in einer uralten Kulturlandschaft zwischen den antiken sumerischen Städten Ur und Lagash im Südirak auf. Diese Gegend ist als Heimat der Musiker und Künstler bekannt. Auch in Bassem Hawars Familie finden sich zahlreiche musische Talente. Er studierte arabische Musik mit seinem Instrument, Djoze (irakische Fidel), am renommierten Konservatorium in Baghdad, der einzigen Institution dieser Art in der arabischen Welt. Nach seinen musikwissenschaftlichen Studien war er Dozent für Djoze am gleichen Institut. Dort arbeitete er auch in der Instrumenten-Werkstatt des Konservatoriums und erneuerte Bauform und Spieltechnik der Djoze. Mit dem irakischen Sinfonieorchester spielte er in arabischen Ländern und in Europa, dort auch mit den Gruppen Lagash, Ahoar, Sidare, Duo Melodic, al-Bayariq, Babel, Yuri Honing Trio/Orient Express, Baghdad Ensemble u.a. Seit 2000 lebt er in Deutschland…
Dominik Schneider begab sich schon früh auf die Suche nach unterschiedlichsten Klangfarben und beschäftigt sich heute vorrangig mit dem Flötenspiel in mannigfaltigen Varianten. Seit 2010 fertigt er in seiner Werkstatt unter anderem ein frühes Traversflötenmodell, das besonders für die Musik des Mittelalters und der Frührenaissance geeignet ist. Darüber hinaus ist der Klangästhet ein gefragter Quinternist, aber auch mit dem Portativ arbeitet er oft mit Ensembles wie Vox Werdensis oder Ars Choralis Coeln zusammen. Außerdem widmet er sich der freien improvisierten Musik mit dem Kölner Jazz-Ensemble MÄÄR. Unter dem Namen BadAntiko interagiert er zwischen den Grenzen klassischer Musik und anderer Genres. An der Folkwang Universität der Künste in Essen unterrichtet er (zusammen mit Maria Jonas und Stefan Klöckner) im Master-Studiengang „Musik des Mittelalters“. Neben all der Musik sollen seine Portraitfotos klasse sein.

Die "Tonspuren" werden unterstützt durch: