12. September 2016 19:30 Uhr

Kulturfabrik Becker&Funck, Düren

Tres Morillas - Ensemble Sanstierce

Lieder des Mittelalters unter jüdischem, christlichem und muslimischem Einfluss aus Spanien und Portugal
Maria Jonas – Gesang & Shruti Box
Bassem Hawar – Djoze (irakische Fidel)
Dominik Schneider – mittelalterliche Flöte & Quinterne

Tres Morillas, drei Maurinnen, begegnen einem stolzen spanischen Ritter und sie beginnen ein Flirt…
Dieses Lied beschreibt anschaulich die „convivencia“ (Koexistenz) zwischen Muslimen und Christen auf der iberischen Halbinsel während der 800jährigen Herrschaft der Mauren – und es ist nicht das einzige dieser Art. Das Lied aus dem Cancionero de Palacio (15./16. Jahrhundert) stammt sogar aus einer Zeit, in der das Zusammenleben verschiedener Religionen und Kulturen längst Geschichte war! Im Jahre 1492 standen Juden und Muslime vor der Wahl zum Christentum zu konvertieren, durch die Inquisition verfolgt und hingerichtet zu werden oder zu flüchten. Viele der so Verfolgten flüchteten in die Anrainerstaaten rund um das Mittelmeer, die vorwiegend muslimisch waren, aber auch die Juden willkommen hießen.
Uns interessiert in diesem Programm aber vor allem die Zeit der „convivencia“ der drei Religionen, in der auf der iberischen Halbinsel eine Hochkultur entstand, die bis heute in Europa lebendig ist. Denn wer weiß schon, dass z.B. die bis heute wohlbekannte Liedform mit Kehrreim in der Mitte des 10. Jahrhunderts in der Nähe von Sevilla unter jüdischem und muslimischen Einfluss erfunden worden ist?

Programm
Spanien Tres Morillas, Cancionero de Palacio (15./16. Jahrhundert) La mañana de Sant Juan, Libro de música de vihuela, Diego Pisador (1509/10? – after 1557) Romance del Rey Moro que perdió Alhama, Los seys libros del Delphin de Musica, Luis de Narvaez (1526–1549) Vanitas Vanitatum (instr)
Galizien Cantigas de amigos, Martin Kodax (13. Jahrhundert) 1. Ondas do mar de Vigo 2. Mandad‘ei comigo 3. Mia yrmana cremosa 4. Ay Deus 5. Quantas sabedes amar 6. Eno sagrado 7. Ay ondas
Pause
Spes vana (instr)
Portugal Romance: Io Mestamdo Em Coimbra, Text: Gil Vicente, Portugaliæ Musica do Século XVI Ay Que Biviemdo No Byvo, Luis de Narvaez (um 1505 – ca 1549), El Delfín de Música
Lami (instr)
Sephardisch Pregoneross (Tanger) El rey de muncho madruga (Sofia) Djoze (instr) Nanni nanni (Marokko) Blanca niña (Sarajewo) Con la cuba (Istanbul)

Ensemble Sanstierce
Drei Musiker treffen sich 2014 im Kölner Zentrum für Alte Musik ZAMUS und beschließen ein Ensemble zu gründen: SANSTIERCE – Maria Jonas, Gesang (Köln), Dominik Schneider, Flöte und Quinterne (Essen) und Bassem Hawar, Djoze, das ist eine irakische Fidel (Bagdad, mittlerweile in Köln ansässig). Alle drei sind ausgewiesene Spezialisten der modalen Musik. Die zwei Deutschen versuchen damit wieder die zum größten Teil mündlich überlieferte Musik des Mittelalters, die kaum notiert wurde, wieder zum Leben zu erwecken und das Anliegen des Irakers, die bislang von Generation zu Generation, von Ohr zu Ohr tradierte arabische Musik mit Zentrum Bagdad, ebenfalls aus dem Mittelalter stammend, nicht sterben zu sehen. Fuhren noch vor wenigen Jahren westliche Musiker in die arabischen Länder, um dort vor Ort und ganz nah am Original zu sein, trifft man sich heute in Köln…oder Berlin, oder Paris, oder London. Aber nicht mehr in Bagdad, dem Irak, dem Iran, in Syrien…..
SANSTIERCE
Die Sängerin Maria Jonas ist eine der kreativsten und vielseitigsten Persönlichkeiten Kölns, die als Interpretin Alter und immer häufiger Improvisierter Musik zu erleben ist – als Solistin sowie in ihren Ensembles Ars Choralis Coeln (Frauenschola) und Ala Aurea (Ensemble für mittelalterliche Musik). Maria Jonas ist stets auf der Suche nach einer lebendigen Auseinandersetzung mit Alter und jeglicher Art von Musik. Darum umschreibt der Begriff „Trobairitz“ ihr Wirken besser als die übliche Bezeichnung Sängerin. Die Trobairitz waren das weibliche Gegenstück zu den Trobadors im 11. bis 13. Jh. im südlichen Frankreich. Das Wort stammt von dem okzitanischen Wort trobar: finden, erfinden. Als kreativer Geist wird Maria Jonas zunehmend auch bei der Entwicklung von Veranstaltungskonzepten zu Rate gezogen. So übernahm sie 2008 die künstlerische Leitung der interkulturellen Klangwerkstatt „KOLUMBA singt“, die jährlich mit wechselnden Gästen stattfindet. Maßgeblich wirkt sie auch bei der Kölner Initiative ZAMUS (Zentrum für Alte Musik) mit.
Bassem Hawar wuchs in einer uralten Kulturlandschaft zwischen den antiken sumerischen Städten Ur und Lagash im Südirak auf. Diese Gegend ist als Heimat der Musiker und Künstler bekannt. Auch in Bassem Hawars Familie finden sich zahlreiche musische Talente. Er studierte arabische Musik mit seinem Instrument, Djoze (irakische Fidel), am renommierten Konservatorium in Baghdad, der einzigen Institution dieser Art in der arabischen Welt. Nach seinen musikwissenschaftlichen Studien war er Dozent für Djoze am gleichen Institut. Dort arbeitete er auch in der Instrumenten-Werkstatt des Konservatoriums und erneuerte Bauform und Spieltechnik der Djoze. Mit dem irakischen Sinfonieorchester spielte er in arabischen Ländern und in Europa, dort auch mit den Gruppen Lagash, Ahoar, Sidare, Duo Melodic, al-Bayariq, Babel, Yuri Honing Trio/Orient Express, Baghdad Ensemble u.a. Seit 2000 lebt er in Deutschland…
Dominik Schneider begab sich schon früh auf die Suche nach unterschiedlichsten Klangfarben und beschäftigt sich heute vorrangig mit dem Flötenspiel in mannigfaltigen Varianten. Seit 2010 fertigt er in seiner Werkstatt unter anderem ein frühes Traversflötenmodell, das besonders für die Musik des Mittelalters und der Frührenaissance geeignet ist. Darüber hinaus ist der Klangästhet ein gefragter Quinternist, aber auch mit dem Portativ arbeitet er oft mit Ensembles wie Vox Werdensis oder Ars Choralis Coeln zusammen. Außerdem widmet er sich der freien improvisierten Musik mit dem Kölner Jazz-Ensemble MÄÄR. Unter dem Namen BadAntiko interagiert er zwischen den Grenzen klassischer Musik und anderer Genres. An der Folkwang Universität der Künste in Essen unterrichtet er (zusammen mit Maria Jonas und Stefan Klöckner) im Master-Studiengang „Musik des Mittelalters“. Neben all der Musik sollen seine Portraitfotos klasse sein.

Die "Tonspuren" werden unterstützt durch: