9. Mai 2016 19:30 Uhr

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - Europa im Umbruch

Streichquartette von Joseph Haydn, Ignaz Pleyel, E.Wilhelm Wolf und Adalbert Gyrowetz
Pleyel Quartett
Ingeborg Scheerer (1.Violine), Milena Schuster (2.Violine), Andreas Gerhardus (Viola), Nicholas Selo (Violoncello)

Pleyel Quartett Köln
Das Besondere des Pleyel Quartettes ist sein spezifischer Klang, der durch die Verwendung von Darmsaiten und den differenzierten Gebrauch des Vibratos eine leuchtend-warme Transparenz gewinnt. Die gesellschaftlich-historisch-kulturellen Entwicklungen haben dazu geführt, dass aus dem unglaublich breiten und sehr hochwertigen Streichquartettfundus vieler verschiedener Komponisten der klassischen Epoche heute fast nur noch die Werke von Haydn, Mozart und Beethoven gespielt werden. Im 18. und 19. Jahrhundert lässt sich noch exzellente Kammermusik finden, die heute nahezu vergessen ist. Diese weithin unbekannten Kompositionen in einen Kontext mit den Werken der berühmteren Kollegen zu stellen und damit – in Verbindung mit einer umfassenden Erfahrung im Bereich der historischen Aufführungspraxis – eine neue Hörperspektive zu vermitteln, ist für das Pleyel Quartett ein wesentlicher Anreiz kammermusikalischen Schaffens. Nach einer von der Fachpresse hoch gelobten Einspielung der Preußischen Quartette 7–9 von Ignaz Pleyel für cpo folgten unter anderem Auftritte bei der Muziek Biennale Niederrhein, beim WDR-Festival Tage Alter Musik in Herne und beim Niederösterreichischen Musiksommer. 2010 war das Pleyel Quartett mit einem Auftaktkonzert zum Bonner Schumannfest im dortigen Schumannhaus zu hören. Zum ersten Kölner Fest für Alte Musik wurde das Ensemble ausgewählt, die Sparte der klassisch-romantischen Kammermusik zu präsentieren. 2011 folgte ein Auftritt beim Beethovenfest Bonn. Nach der auch bei cpo erschienenen Aufnahme der Preußischen Quartette 4–6 von Ignaz Pleyel folgte eine intensive Auseinandersetzung mit der romantischen Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts. Louis Spohr und ganz besonders Joseph Joachim waren Inspirationsquelle, Kammermusik von Komponisten wie Mendelssohn, Burgmüller und Klughardt ganz neu zu betrachten. Ein Resultat davon ist die Weltersteinspielung des 1. Streichquartetts op. 42 von August Klughardt (einem Zeitgenossen von Brahms und Dvořák) in Kombination mit dessen Klavierquintett op. 43 bei CAvi, bei dem Tobias Koch als Partner am Pianoforte mitwirkt. Auch hier, wie schon bei den beiden Pleyel-CDs, reagierte die Presse mit Begeisterung. Im Februar 2013 erfolgte, wieder bei cpo, die Veröffentlichung der Weltersteinspielung dreier Streichquartette von Adalbert Gyrowetz, einem Zeitgenossen von Mozart und Pleyel, der auch noch Beethoven und Schubert um mehr als zwanzig Jahre überlebte. 2013 ist das Quartett wieder Gast beim Kölner Fest für Alte Musik. Außerdem erfolgte eine Einladung zu den Internationalen Haydn-Festspielen in Eisenstadt/Österreich. Weitere Streichquartette von Ignaz Pleyel und Ernst Wilhelm Wolf werden bei cpo erscheinen.

Programm

Joseph Haydn Streichquartett d-Moll op. 76.2 Quinten-Quartett (1797) Allegro – Andante o più tosto allegretto – Menuet. Allegro – Finale. Vivace assai
*Ignaz Pleyel*(1757-1831) Streichquartett g-Moll BEN 339 (1786) Allegro
Adagio non troppo – Allegro moderato – Menuetto cantabile – Allegro
Pause
*Ernst Wilhelm Wolf*(1735 – 1792) Streichquartett Es-Dur op. 3,2 (1785) Allegretto – Adagio – Poco Presto
*Adalbert Gyrowetz*(1763-1850) Streichquartett Es-Dur op. 29,1 (1799) Allegro con spirito – Andantino,poco adagio – Menuetto. Allegro-Trio alternativo – Allegretto

Zum Programm:
Die Kompositionen des Konzerts entstanden innerhalb von 14 Jahren, in deren Zentrum die Französische Revolution 1789 steht. Ernst Wilhelm Wolf und Adalbert Gyrowetz stehen mit ihrem Leben und ihrer Biografie symbolisch für die Epochenumbrüche dieser Zeit: Wolf an der Schwelle aus dem Barock in die Klassik, Gyrowetz als Grenzgänger zwischen Klassik und Romantik.
1785, im Jahr, in dem das Streichquartett von Ernst Wilhelm Wolf (1735-1792) als die „älteste“ Komposition des heutigen Konzertes entstand, schrieb Friedrich Schiller die „Ode an die Freude“. Die „Freude“ sieht er als den Schlüssel für eine brüderlich verbundene Menschheit mit der Vision einer Gesellschaft, die nicht von Krieg und Feindbildern dominiert wird. Der hier schon wahrnehmbare historische Umbruch, der dann in die Französische Revolution mündete, deutet sich in der Musik schon um 1750 an, als „Empfindsamer Stil“ und „Sturm und Drang“ – gegen Affekt und Pathos des Barock – eine unmittelbare Aussprache des persönlichen Gefühls setzten. In den Streichquartetten op. 3 des Weimarer Hofkapellmeisters Ernst Wilhelm Wolf, von denen heute Abend eines erklingt, finden sich genau diese, im Streichquartett-Genre eher selten anzutreffenden Charakteristika wieder. In den 1780er Jahren war der Haydn-Schüler Ignaz Pleyel (1757–1831) der meistgespielte Komponist in Mittel- und Westeuropa. Als Kapellmeister in Straßburg und Angestellter eines Adligen, hatte er mehrmals unangenehmen Kontakt mit den Revolutionären, wurde mehrfach inhaftiert und entging der Guillotine nur durch die Komposition einer gigantischen „Hymne a la liberté“. Sieben Kirchenglocken, Böllerschüsse, Gewehrsalven kamen zum Einsatz, und alle, die ein Musikinstrument halten konnten, waren bei der Aufführung beteiligt. Seine Popularität auch in England verhalf ihm Ende des Jahres 1791 zu einem Ruf nach London, um dort die „Professional Concerts“ in Konkurrenz zu der Konzertreihe Haydns zu übernehmen. Haydn schreibt am 17. Januar 1792 in einem Brief: „Ich bin bemüsigt mir all erdenkliche mühe zu geben, weil unser Gegner, die Professional Versammlung, meinen schüler Pleyel haben anhero kommen lassen, um ihre concerten zu Dirigieren…man finge gleich an in allen zeitungen davon zu sprechen, allein mir scheint, es wird bald Allianz werden.“ Haydn sollte recht behalten: nicht in Feindschaft, sondern in Freundschaft und gegenseitiger Wertschätzung gestalteten die beiden die Konzertsaison und luden sich gegenseitig in ihre Konzerte ein, bis Pleyel im Mai 1792 nach Straßburg zu seiner Familie zurückkehrte. 1797 komponierte Joseph Haydn (1732-1809) in Wien im Auftrag des Grafen Erdödy, der seinerzeit die Lehrzeit Pleyels bei Haydn finanziert hatte, die Streichquartette op. 76. Sie sind von seinen beiden Aufenthalten in London, 1791/92 und 1794/95, inspiriert. Als Eigenart dieser letzten sechsteiligen Serie von Streichquartetten, die Haydn vollendete, gilt einerseits die sinfonische Anlage der schnellen Sätze, andererseits die Tiefgründigkeit der Adagios. Der Geist der Überraschung, der Witz im Sinne des 18. Jahrhunderts, den Haydn in seinen Londoner Sinfonien ausgekostet hatte, wird hier auf das Quartett übertragen. In London hatte Haydn erlebt, wie seine Streichquartette Opus 64 im Sinfoniekonzert gespielt wurden, also für ein breites Publikum, nicht mehr nur für Kenner. Diese Erfahrung wirkte zurück auf die populären Effekte in seinen neuen Quartetten. Die Tiefgründigkeit der Adagios wie auch der Ernst einiger schnellen Sätze hängt mit der bedrückenden Erfahrung der Revolutionskriege zusammen, die Haydn damals auch in seinen sechs späten Messen (besonders in der “Paukenmesse” und “Nelsonmesse”) verarbeitete. Adalbert Gyrowetz (1763–1850) gehört neben Ignaz Pleyel zu den Komponisten, über die Ludwig Finscher in „Haydn und seine Zeit“ schreibt: „Sie würden uns heute als die großen Komponisten der Epoche erscheinen, wenn sie nicht das Unglück gehabt hätten, Zeitgenossen von Haydn und Mozart zu sein.“ Gyrowetz erhielt früh Unterricht in Gesang und Violine und während seiner Gymnasialzeit in Orgel und Generalbass. Nach einem abgebrochenen Jurastudium in Prag trat er in Brünn als „Sekretär“ in die Dienste des musikliebenden Grafen Johann Franz Fünfkirchen, wo er sein musikalisches Talent autodidaktisch weiter ausbilden konnte. Anschließend reiste er nach Wien, wo Mozart in seiner eigenen Konzertreihe eine Sinfonie von ihm aufführte. In Italien nahm er erstmals Kompositionsunterricht, „welches er umsomehr wünschte, als er bis zu dieser Zeit noch immer mehr als Dilettant und als Natur-Kompositeur angesehen werden mußte, indem er eigentlich früher nie einen Meister in der Komposition gehabt, sondern bloß durch sein eigenes angebornes Talent alle die Werke geschrieben hatte, welche bereits im Stich veröffentlicht waren.“ Angezogen von der Tatsache, dass in Paris das berühmte Verlagshaus Imbault ohne sein Wissen frühe Streichquartette von ihm gedruckt hatte, reiste er im Spätsommer des Revolutionsjahres 1789 nach Paris. Nach dem Ausbruch der „Weiber-Revolution“ Anfang Oktober 1789 zog es Gyrowetz nach London. Bevor Haydn und Pleyel dort ankamen, genoss Gyrowetz schon hohes Ansehen, was ihm trotz der teuer eingekauften Superstars weiterhin seinen Rang, zumindest als Nr. 3, sicherte. Er verließ London im November 1792. Nach einer langen, manchmal durch den Krieg behinderten Reise über Brüssel, Paris, Berlin, Dresden und Prag, kam er 1793 nach Wien, wo er dann von 1804 bis 1831 Kapellmeister am Hoftheater war. Charakteristisch für seine Kompositionen ab Mitte der 1790er Jahre wurde das Nebeneinander von klassischen und frühromantisch anmutenden Passagen, der freie Umgang mit althergebrachten Formmodellen sowie die Erweiterung der Tonalität durch Miteinbeziehung terzverwandter (mediantischer) Bereiche.Nach ungefähren Schätzungen hinterließ Gyrowetz ein Œuvre von etwa 400 Werken aller musikalischen Gattungen.

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